Montag, 13. Oktober 2014

Der Geist des 2. Vatikanischen Konzils, der Geist von 'Gaudium et spes'

So lauteten O-Töne und Eindrücke von Synodenteilnehmer, die vom Sekretär, Erzbischof Bruno Forte von Chieti-Vasto (Italien), und Synodenpräsident Kardinal Luis Antonio Tagle aus Manila (Philippinen) auf der heutigen Pressekonferenz zitiert wurden. Sie bezogen sich auf die von Kardinal Peter Erdö am heutigen frühen Vormittag in 52 Minuten vorgetragene 'Zusammenfassung nach den Diskussionen' der ersten Synodenwoche. Als 'pastorales Erdbeben' wurde sie in reißerischen Überschriften schnell medial kommuniziert. Dabei konnte diese für heute mit Spannung erwartete 'relatio post disceptationem' eigentlich nur dann überraschen, wenn man die täglichen Pressekonferenzen der ersten Synodenwoche nicht mit verfolgt hat, da sich alle Gedanken über die Tage verstreut – aber wie an einer Perlenkette gereiht – schon genauso wiederfinden; und auch in diesem Blog-Kommentar aufgemerkt wurden.

                 (Pressekonferenz mit Erzbischof Forte, Kardinal Tagle, Kardinal Erdö)
 
 

Im Gegensatz zum Arbeitspapier vor Synodenbeginn, dem in unserem Dokumentenarchiv 49 Seiten umfassenden 'Instrumentum laboris' und der schon auf immerhin schon 13 Seiten verdichteten 'Zusammenfassung vor der Diskussion' findet sich in der heute von dem Vorsitzenden der ungarischen Bischofskonferenz vorgestellten 'Relatio' eine auf nur mehr 11 Seiten fokussierte, durchgehende Linie wieder, die eine deutliche Handschrift, einen roten Faden und zugleich an markanten Schlüsselstellen eine direkte Orientierung an den Lehrschreiben und -aussagen von Papst Franziskus aufweist.

Vorgetragen wurde die Ergebniszusammenfassung in Anwesenheit von 184 Synodenvätern und des Papstes und von diesen mit lang anhaltendem Applaus bedacht. Mit Dankbarkeit sei von vielen dieser Zwischenbericht wie ein 'Spiegel' empfunden worden, in dem sie den Extrakt der Überlegungen der Diskussionen der vergangenen Woche wiederfanden, so Kardinal Tagle im heutigen Pressbriefing. Dass dieser Zwischenbericht zugleich Ausgangpunkt für die Diskussion der nächsten Tage sein wird, zeigten schon die 41 Interventionen, die sich – in freier Rede vorgetragen – anschlossen und mit dieser in der nun folgenden Kleingruppenarbeit in den Sprachzirkeln weiter beratschlagt werden. Deren Ergebnisse werden dann wiederum an den 'Relator' Kardinal Erdö zurückgeführt, der das Schlussdokument der Synode erstellt, das am Samstag vorgestellt und verabschiedet werden wird.
 
"Es wird aber kein klassisches Schlussdokument, sondern so etwas wie das 'Instrumentum Laboris' (Arbeitspapier) für die nächste Familiensynode im Herbst 2015", verdeutlichte heute noch einmal der Leiter der deutschsprachigen Abteilung bei Radio Vatikan, P. Hagenkord, in einem Interview. Es wird also, wie der heutige Tag kein Abschluss, sondern ein weiterer Zwischenschritt eines synodalen Prozesses der über die nächsten Monate gehen wird: ein bewusstes und im Grunde schon von Anfang an angezieltes und absehbares 'working in progress', ein synodaler Weg.
 
Der 'Geist des Konzils' wurde darin empfunden – und das ist die Handschrift, die der Zwischenbericht trägt –, indem voller Sympathie auf die Welt von heute geschaut, in der Kirche nicht richtet, sondern die Menschen begleitet in Freuden und Hoffnungen, Trauer und Leiden der Menschen von heute, wie auch die ersten Wörter der Pastoralkonstitution 'Gaudium et spes' lauten. Das Hören auf die Lebenswirklichkeit von Ehe und Familie, das Sehen derselben im Licht der Botschaft des Evangeliums und das daraufhin mögliche unterscheidende Deuten der pastoralen Herausforderungen der Familie in der heutigen Zeit kennzeichnet dann auch die drei Teile des heute veröffentlichten Zwischenberichts:

Im 'hörenden' I. Teil der 'Relatio post disceptationem' werden die vielen sozial-kulturellen Kennzeichen heutiger familiärer Lebenswirklichkeit wahrgenommen – von Vereinzelung, über Polygamie bis hin zu Lebensgemeinschaften – mit mehr oder minder ausgeprägten oder begründeten Formen von Verbindlichkeit, die im systematisch reflektierenden und 'ausschauenden' II. Teil ausgehend von der Analogie der Verwirklichung der Kirche in dieser Welt nach der Lehre des 2. Vatikanischen Konzils (vgl. unten bzw. LG 8) auch graduelle Verwirklichungen von Heil und Wahrheit sehen lassen, die im alleinigen Blicken auf das von der Kirche tradierte Ideal von Ehe und Familie verborgen bleiben.

Mit dieser Perspektive erscheinen die vielen, unterschiedlichen Herausforderungen von gelebten Lebensentwürfe im III. Teil der Relatio in einem ganz anderen, neuen Licht, und lassen sich gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen, gegenüber verhältnismäßig losen Beziehungen 'ad experimentum',  ja selbst homosexuellen Partnerschaften gegenüber auf einmal wertschätzende Worte finden, als sie als graduelle Verwirklichungsformen familialen Lebens 'Heil und Wahrheit' enthalten.

Dieser grundlegende Perspektivwechsel ist sicher vor allem herauszuheben, bevor man auf die damit verbundenen, einzelnen, sich ergänzenden oder miteinander konkurrierenden Vorschläge in Hinblick auf die verstärkten Anstrengungen und Aufgaben in Ehevorbereitung und Ehebegleitung, die differierenden Optionen bezogen auf die Möglichkeiten der Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten, hinsichtlich des 'speeding-up' von Ehenichtigkeitsprozessen, der Reflexion auf die Bedeutung des Glaubens für das Zustandekommen einer sakramentalen Ehe, die Prüfung der Tradition der orthodoxen Kirche und auch den Ansatzpunkt der Kommunikation von Formen natürlicher Familienplanung und -regelung zu sprechen kommt, die allesamt weitere Diskussionen erfordern und ermöglichen.

Auch wenn der heute veröffentlichte Zwischenbericht der Bischofssynode nur ein Meilensteil auf einer noch bevorstehenden Strecke und eines Debattenmarathons (nicht nur in dieser Woche) ist, dokumentiert er doch als roten Faden das Selbstverständnis einer Kirche „auf dem Weg“, wie Papst Franziskus heute Morgen in der Morgenmesse in Santa Marta sagte. Und: „Wenn man auf dem Weg ist, findet man immer neue Dinge, Dinge, die man vorher noch nicht kannte.“ Oder: 'The drama continues!', wie es zum Abschluss eines Statements auf der unbedingt sehenswerten Pressekonferenz Kardinal Tagle mit einem Lächeln sagte.


 

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